Freitag, 20. Januar 2023

Da brat mir doch einer einen Storch

 Jetzt ist schon wieder ein Monat vorbei und ich konnte mich nicht dazu aufraffen, etwas Neues zu veröffentlichen. Mea maxima culpa!
Heute geht es dafür zur Abwechslung mal in die Welt der Sprichwörter. Im übertragenen Sinn steht das Sprichwort"da brat mir einer einen Storch" ja als Ausdruck für Verwunderung oder Überraschung. Warum aber soll ausgerechnet Meister Adebar in der Pfanne landen? Der Grund dafür liegt in der besonderen Bedeutung von Störchen in Fabeln und Märchen. Dort galten die Störche als Glücksbringer und Symbole der Fruchtbarkeit. Einen Storch zu braten galt demnach als unglücksbringend. In der Bibel geht das sogar soweit, dass der Verzehr von Störchen ausdrücklich verboten ist (Lev 11;19). Bevor also einer einen Storch brät, muss schon etwas sehr Ungewöhnliches passiert sein, eben wie der viel zu schnell eingetretene Abschluss des Monats.

 


 

Mittwoch, 28. Dezember 2022

Ich klebe euch eine

Unkameradschaftlichkeit. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit diesem Wort mal einen Blogeintrag beginnen werde. Tatsächlich ist der Begriff ein Phänomen, steht er doch im Duden als längstes deutsches, nicht zusammengesetztes Wort. Mir würde als noch längeres Beispiel "Uninternationalisierbarkeiten" einfallen, wobei es da schwer mit einer genauen Definition werden könnte.
Bei Wortzusammensetzungen oder Wortkomposita ist die deutsche Sprache noch erbarmungsloser, zumindest wenn es um Substantive geht. Jeder hat wohl schon einmal die Donaudampschifffahrtsgesellschaftskapitainsausbildungsvergütungsverordnungskommission gelesen. 

Es gibt allerdings Sprachen, die sind in Sachen Zusammensetzung noch effizienter als die deutsche Sprache. So genannte agglutinierende Sprachen können durch das Ansetzen von Suffixen und Präfixen an ein Wort dessen grammatikalische Bedeutung verändern und so ganze Sätze in einen Begriff zusammenfassen.
Die türkische Sprache ist ein schönes Beispiel für eine solche grammatikalische Eigenschaft:
Das Wort 'ev' bedeutet übersetzt "Haus". Hängt man jetzt ein -er als Suffix, erhält man 'evler', Häuser. Ein weiteres Suffix -im verändert die Bedeutung zu 'evlerim', meine Häuser. Ein letztes Suffix -de sorgt schließlich dafür, dass der Begriff 'evlerimde' mit "in meinen Häusern" übersetzt werden kann. Wo die deutsche Sprache also drei Wörter mit drei unterschiedlichen grammatikalischen Funktionen nutzen muss, hängt die türkische Sprache einfach Suffixe an den Stamm um einen vergleichbaren Ausdruck zu erzielen.
Ein weiteres schönes Beispiel ist der Filmtitel eines türkischen Films: Uçurtmayı Vurmasınlar (dt. Laßt den Drachen fliegen).
Der türkische Titel besteht dabei aus folgenden Wörtern:
ucurt - Drache
ma - nicht
yi - den
vur - schießen
ma - Verneinung
sin - sein
lar - Plural


Damit schafft die türkische Sprache, ganze Sätze in ein Wort zusammezufassen. Da kommt dann selbst die deutsche Sprache mit ihren Komposita nicht mehr mit.

Sonntag, 27. November 2022

Die Sache mit dem Sprachverfall

 Immer wieder höre und lese ich, dass die Jugend von heute nicht mehr in der Lage ist, sich "richtig" auszudrücken. Der so genannte "Sprachverfall" alarmiert die Gelehrten, die sich um das Aussterben der deutschen Sprache fürchten. Ich frage mich allerdings, ob diese befürchteten Horrorszenarien wirklich so schlimm ausfallen werden. Tatsächlich scheint besonders die Schriftsprache durch den Umgang mit den neuen Medien und Spracherkennungsprogrammen uneinheitlicher und ungenauer zu werden; eine Entwicklung, der man sicher stärker entgegenwirken sollte. Unsere Sprache an sich verfällt dadurch aber sicherlich nicht. Sprache an sich unterliegt einem ständigen Wandel, Begriffe werden neu interpretiert, fallen weg oder kommen durch Kontakt mit anderen Sprachen hinzu. Kaum eine Sprache, abgesehen von vereinzelten Inselsprachen wie isländisch bleibt über mehrere Jahrhunderte konstant.


Schauen wir uns unsere eigene Sprache an, werden wir auch feststellen, dass sie sich über die Jahrhunderte stark verändert hat. Angefangen bei den Minnegesängen von Walther von der Vogelweide über die erste deutsche Ausgabe der Bibel von Martin Luther bis hin zu Goethe, Brecht und Härtling ist doch eine deutliche Veränderung in der Sprache zu erkennen. Diese Veränderungen werden sich auch in Zukunft sehen lassen. Sicherlich ist es sehr ungewohnt, dass wir einen Teil unserer Gefühle neuerdings mit Smileys und Emoticons zum Ausdruck bringen. Aber auch das kann nach meiner Ansicht, wenn wir es denn zu lassen, zu einem festen Teil unserer Sprachkultur werden, ohne dass unsere Sprache dadurch verfallen würde.

Sprache ist etwas Wunderbares und wir sollten darauf achten, dass sie in sich einheitlich und verständlich bleibt. Gleichzeitig ist es schön, wenn altertümlich wirkende Begriffe wie blümerant oder Brimborium weitergegeben werden. Aber wir sollten uns auch nicht vor neuen Ausdrucksmöglichkeiten, neuen Begriffen oder neuen Ausdrücken verschließen. Sprache ist lebendig und wird es immer bleiben. Wo wir allerdings stärker hinschauen sollten, ist die Verrohung von Sprachmustern, die sich durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten zieht. Hier lässt sich eher ein Verfall der "guten Sitten" erkennen. 

In diesem Sinne bleibt nett zueinander und habt eine schöne Adventszeit!

Sonntag, 13. November 2022

Escher und die Sprachforschung

 M..C. Escher war ein niederländischer Künstler, der besonders durch seine perspektivischen Tricks in seinen Zeichnungen und Gemälden bekannt geworden ist. Bestimmt kennen viele von euch seine Zeichnung "Drawing Hands", in der zwei Hände sich gegenseitig zeichnen. In der Sprachforschung haben seine Motive die Forschenden zur Untersuchung von Sätzen inspiriert, die Ähnlichkeit mit den so genannten "Garden-Path-Sentences" über die ich bereits hier geschrieben habe. 

Während die Garden-Path-Sentences grammatikalisch einwandfreie Sätze sind, deren grammatikalische Bedeutung sich erst am Ende des Satzes erschließt, scheinen Escher-Sätze nur auf dem ersten Blick grammatikalisch richtig zu sein. Bei einer genaueren Betrachtung stellt sich bei einem Escher-Satz jedoch heraus, dass die grammatikalischen Grundregeln der Sprache, in der er formuliert wurde, in einem Punkt abweichen. 

 Ein bekannter Beispielsatz ist der englische Satz:

"More people have been to Russia than I have". (Es waren schon mehr Leute in Russland als ich). 

In der deutschen Sprache existiert das, vermutlich häufiger ausgesprochene, Beispiel: "Lass uns dort treffen." Rein grammatikalisch müsste der Satz eigentlich: "Lass uns uns dort treffen" lauten, da sich das erste uns auf die Aufforderung "Lass uns" und das zweite uns auf das Ziel "uns dort treffen" bezieht. Zum Vergleich: "[Lass uns] gehen" und "Sollen wir [uns dort treffen]?"

Häufig werden solche Escher-Sätze jedoch als grammatikalisch akzeptiert; eine Eigenschaft, die unter Anderem an der University of Michigan untersucht wird. Eine weitere Untersuchung an der Uni-Konstanz konnte belegen, dass die Lesart eines ungrammatikalischen Vergleichssatzes bereits vor der grammatikalischen Interpretation durch semantische Verknüpfungen hergestellt werden kann. Im Klartext bedeutet das, dass die ungrammatikalische Struktur mental repariert werden kann, sodass die semantische Bedeutung bestehen bleibt und sinnvoll interpretiert wird.


Quellen und weitere Informationen:

https://www.leibniz-zas.de/fileadmin/Archiv2019/mitarbeiter/meinunger/Meinunger_Skandal_im_Sprachbezirk_Druckfassung.pdf

https://deepblue.lib.umich.edu/bitstream/handle/2027.42/98919/pnkell.pdf?sequence=1&isAllowed=y

https://ojs.ub.uni-konstanz.de/sub/index.php/sub/article/view/350/283 

https://www.leibniz-zas.de/fileadmin/Archiv2019/mitarbeiter/meinunger/Meinunger_Skandal_im_Sprachbezirk_Druckfassung.pdf


Mittwoch, 2. November 2022

In den Farbtopf gefallen


Habt ihr euch auch schon einmal Gedanken gemacht, ob das Blau das ihr seht, das gleiche Blau ist das andere sehen? Oder wie würdet ihr folgenden Farbton definieren?


https://chir.ag/projects/name-that-color/#698791


Die Welt der Farben ist auch aus sprachlicher Sicht eine faszinierende Welt. Tatsächlich werden die einzelnen Farben oder Farbtöne in den verschiedenen Sprachfamilien durchaus unterschiedlich behandelt. So kennt das Russische wie auch das Italienische einen sprachlichen Unterschied zwischen hellen Blautönen und dunklen Blautönen.
Brent Berlin und Paul Kay haben in den 1960er Jahren Forschungen durchgeführt, wie sich die Begriffe für Farben in verschiedenen Sprachen zusammensetzen. Und sie haben eine interessante Entdeckung gemacht. Offensichtlich existiert ein Muster, wie sich Begriffe für verschiedene Farben entwickeln. Demnach existieren 5 Stufen in denen sich die Grundfarben in den verschiedenen Sprachen entwickelt haben, angefangen bei zwei Grundfarben bis hin zu sechs und mehr Grundfarben. Die größte Anzahl von Grundfarben liegt demnach bei 12 unterschiedlichen Bezeichnungen.
Bei der Entwicklung der Unterscheidungen scheint es dabei eine Reihenfolge zu geben. Angefangen bei einer einfachen Unterscheidung zwischen hell und dunkel über die Unterscheidung zwischen weiß, rot oder gelb, schwarz oder grün oder blau, bis hin zur Unterscheidung zwischen weiß, rot, grün, gelb, blau und schwarz.


Berlin und Kay stellten dazu folgende Regeln auf:
1. Alle Sprachen haben ein Wort für schwarz und weiß.
2. Besitzt eine Sprache drei unterschiedliche Farbwörter, dann bezeichnet das dritte Farbwort die Farbe rot.
3. Existieren vier unterschiedliche Farbwörter in einer Sprache, dann bezeichnet das vierte Wort entweder die Farbe grün oder gelb aber niemals beide Farben.
4. Bei fünf unterschiedlichen Farbwörtern existiert sowohl ein Wort für die Farbe gelb als auch für die Farbe grün.
5. Die Farbe blau kommt erst bei Sprachen mit sechs unterschiedlichen Farbwörtern vor.
6. Wenn eine Farbe sieben Farbwörter kennt, dann existiert ein Wort für die Farbe braun.
7. Bei acht oder mehr Bezeichnungen für unterschiedliche Farbtöne existieren letztendlich eigene Begriffe für purpur, pink, orange oder grau.
(Berlin, Brent and Kay, Paul. 1969. Basic Color Terms: their Universality and Evolution. Berkeley and Los Angeles: University of California Press.)

Im Jahr 2003 hat Paul Kay den Versuch leicht abgewandelt wiederholt und konnte die Ergebnisse der ersten Studie bestätigen. (https://www.spektrum.de/news/farbe-bekennen/620668)
Aus physikalischer Sicht sehen wir alle die gleichen Farben bzw. die gleichen Wellenlängen von Licht, denn nichts Anderes ist "Farbe". Aber dennoch scheint es einen Unterschied in der Wahrnehmung der einzelnen Farben zu geben, die sich auch in der Benennung der Farbtöne widerspiegelt.
Ich persönlich würde den Farbton übrigens als Stahlblau bezeichnen. Die Webseite, von der ich den Ausschnitt habe, benennt die Farbe als Juniper Green, also Wacholdergrün.


Da brat mir doch einer einen Storch

 Jetzt ist schon wieder ein Monat vorbei und ich konnte mich nicht dazu aufraffen, etwas Neues zu veröffentlichen. Mea maxima culpa! Heute g...