Montag, 29. November 2021

Grammatikalische Geschlechterrollen

 Die deutsche Sprache gehört zu einer Minderheit in Bezug auf ihre grammatikalische Genuszuweisung.
Tatsächlich besitzen nur etwa 25% aller bekannten Sprachen überhaupt ein Genussystem. Diese unterteilen sich dann noch in Gruppen mit einem binären Genussystem (maskulin / feminin) wie viele romanische Sprachen, dreigliedrige Gruppen wie die deutsche Sprache oder Gruppen mit mehreren Geschlechterrollen, wobei man hier häufig auch von Nominalklassen spricht. Wie diese Nominalklassen funktionieren, erkläre ich ausführlich demnächst in einem anderen Blogeintrag.
Wir haben in der deutschen Sprache drei Geschlechter: maskulin, feminin, neutrum. Und hier beginnt schon die Ausnahmestellung der deutschen Sprache. Nicht nur, dass das dreigliedrige System an sich schon eine Minderheitenrolle einnimmt, das grammatikalische Geschlecht der deutschen Sprache weicht auch noch in vielen Bereichen vom natürlichen Geschlecht ab. Wir sagen zum Beispiel "die Wiese" aber "das Gras". Eine weitere Besonderheit der deutschen Sprache ist die doppelte Geschlechterrolle, die einige Nomen annehmen können. Die meisten unserer Nomen, rund 99%, besitzen genau ein grammatikalisches Geschlecht. Allerdings können etwas weniger als 1,3 % mit zwei grammatikalischen Geschlechtern gebildet werden, und 0,02% der deutschen Nomen können sogar alle drei grammatikalische Geschlechter annehmen. Weniger als 0,1% der deutschen Nomen besitzen gar kein grammatikalisches Geschlecht. (Quelle: duden.de) Die Nomen, die nur ein grammatikalisches Geschlecht besitzen, sind zu etwa 46% feminin, 34% maskulin und 20% neutrum. In einer eigenen, nicht-repräsentativen Umfrage zum Thema Geschlechterrollen hat der Begriff "Prospekt", der laut Duden sowohl maskulin als auch neutrum genutzt werden kann, eine Sonderrolle eingenommen. Er war der einzige Begriff, bei dem die Ergebnisse eine nahezu ausgeglichene Verteilung ergeben haben (50,3% für "dasProspekt", 49,7% für "der Prospekt").

Dienstag, 16. November 2021

Hokus Pokus Fidibus


Vor Kurzem habe ich einen Beitrag zum aktuellen Jugendwort des Jahres verfasst. Und da die Präsentation des Wortes des Jahres auch nicht mehr weit ist,  dachte ich mir, ich sammle mal Eure Lieblingswörter aus eurem Leben und fange dabei mit meinem Lieblingswort an: Es handelt sich dabei um den etwas aus der Mode gekommenen Begriff "Fidibus". Als es noch keine Streichhölzer gab, wurden Papierstreifen zusammengefaltet und an einem offenen Feuer, meist dem Ofenfeuer, angezündet um sich etwa eine Pfeife anzumachen. Diese wurden als "Fidibus" bezeichnet. Teilweise wurde auch das Stück Papier, das zum Anzünden des Ofens selbst verwendet wurde, als Fidibus bezeichnet.
Woher der Begriff kommt, ist nicht genau geklärt. Im Deutschen Wörterbuch wird angegeben, dass der Begriff vermutlich aus dem Französischen übernommen wurde. Dort wird ein dünner Holzspan als fil de bois bezeichnet
(vgl. http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&lemma=fidibus).
Fakt ist, dass der Begriff schon sehr früh sogar seinen Einzug in die Literatur gefunden hat. Bei Wilhelm Busch heißt es:

„Wer in Dorfe oder Stadt / Einen Onkel wohnen hat, / Der sei höflich und bescheiden, / Denn das mag der Onkel leiden. / Morgens sagt man: ‚Guten Morgen! / Haben Sie was zu besorgen?‘ / Bringt ihm, was er haben muß: / Zeitung, Pfeife, Fidibus.“ (Max und Mortiz, 1865)
Ich persönlich verbinde mit dem Begriff einige schöne Kindheitserinnerungen. Meine Urgroßmutter hat noch einen Kamin in der Wohnung besessen. Im Winter durfte ich meistens mit einem Fidibus, einem zusammengerollten Stück Zeitungspapier, das Holz anzünden. Anschließend konnte ich stundenlang vor dem Kamin sitzen und dabei zusehen, wie die Flammen zündeln und für Wärme sorgen.

Übrigens, die Verwendung in dem wohlbekannten Zauberspruch "Hokus Pokus Fidibus" entstand vermutlich eher zufällig. Eine Theorie dazu besagt, dass der Spruch als eine Parodie auf die katholische Kirche zur Zeit der Reformation in England entstanden sein könnte. Demnach habe sich der Begriff aus "Hoc est Corpus" (dt. dies ist der Leib (Christi) entwickelt. Der Fidibus passte da wohl eher zufällig, zumal Feuer und Magie gerne in Verbindung gebracht werden.


Vielleicht habt ihr auch ein Lieblingswort, zu dem ihr einen besonderen Bezug habt. Schreibt es mir doch in die Kommentare oder noch besser, schreibt doch einen eigenen Blogeintrag zu dem Thema. Ich freue mich auf Eure Geschichten, die ich gerne unter diesem Blogeintrag gesammelt aufliste.

Montag, 8. November 2021

Lasst uns ein Zeichen setzen

 Vor einiger Zeit habe ich in den sozialen Medien eine Diskussion zum Thema Typojis wieder gefunden. Typojis sind neue Schriftzeichen, die von Walter Bohatsch, einem österreichischen Grafikdesigner, entwickelt worden sind um Emotionen oder Intentionen in der Schriftsprache besser darstellen zu können. Die insgesamt 30 neuen Zeichen stehen dabei zum Beispiel für Empfindungen wie Ablehnung, Skepsis oder Langeweile. Als ich in das Thema eingestiegen bin, hatte ich eine ablehnende Haltung eingenommen. "Wofür brauchen wir Satzzeichen, die Emotionen ausdrücken? Wir haben doch wunderbare Begriffe wie "Sorge" oder "Freude" mit denen wir einen beliebigen Text mit Emotionen füllen können. Mittlerweile bin ich allerdings zu der Erkenntnis gekommen, dass in einigen Bereichen solche zusätzlichen Schriftzeichen durchaus sinnvoll sein können.
Wir leben in einer Welt, in der sich mündliche und schriftliche Kommunikation immer stärker angleicht. Wir schreiben, wie wir reden und wir reden, wie wir schreiben. Spätestens in den sozialen Medien, in Chats oder bei dem Versenden von Textnachrichten auf dem Handy oder Smartphone verwenden wir eine Form der Schrift, die sich an die gesprochene Sprache angepasst hat. Hier kann ich mir gut vorstellen, dass die Verwendung von Typojis eine sinnvolle Ergänzung zu den bekannten Emojis sein kann. Besonders, wenn es hierbei um geschäftliche Kommunikation geht, könnten die Zeichen ihren Zweck erfüllen.
Bis es jedoch soweit ist, dass die Typojis Einzug in unsere Schriftsprache erhalten haben, wird wohl noch eine Weile vergehen. Es bleibt auf jeden Fall spannend zu verfolgen, ob sich das System durchsetzt oder ob wir andere Möglichkeiten finden werden, unsere Gefühle in Schrift zu fassen.

 

Quelle: http://www.typojis.com/de/

Mittwoch, 3. November 2021

Jugendsprache, schwere Sprache

Gerade erst wurde wieder das Jugendwort des Jahres gekührt. Der Gewinner für 2021 ist "cringe". Dabei wird etwas beschrieben, das zu Fremdscham oder peinlichen Gefühlen geführt hat. Seit 2020 dürfen auch tatsächlich Jugendliche darüber abstimmen, was das Jugendwort des Jahres werden soll. Davor hat eine Jury aus erwachsenen Personen das jeweilige Gewinnerwort gekührt, was häufig Anlass für Diskussionen gewesen ist, wie ein alter von mir verfasster Artikel aus dem Jahr 2017 zeigt:

 

Der Ausdruck "I bims" wurde aktuell von einer Jury zum deutschen Jugendwort 2017 gekürt. Natürlich muss ich mir darüber meine Gedanken machen. Um es vorweg zu nehmen, ich bin mit der Entscheidung nicht glücklich. Meiner Meinung nach hätte es eine Vielzahl von Wörtern gegeben, die in diesem Jahr sinnvoller genutzt worden sind.
Zum Einen ist der Begriff "I Bims" in erster Linie ein Phänomen, das im Internet seinen Bekanntheitsgrad entwickelt hat. Es hat sich als humoristische Überspitzung von Rechtschreibfehlern in Meldungen in sozialen Netzwerken entwickelt und wird in diesem Zusammenhang in verschiedensten Varianten genutzt. Es ist so gesehen eine populäre Interneterscheinung, und genau da gehört es meiner Meinung nach auch hin. Das Jugendwort des Jahres sollte jedoch einen Gesamteindruck der Jugendsprache vermitteln und sich nicht nur auf den Onlinebereich, der sicherlich stark an Bedeutung gewonnen hat, beschränken.
Mein zweiter Gedanke bezieht sich auf die Richtigkeit des Wortes. Der "Erfinder" hat, wie schon oben erwähnt, eine Sammlung von häufig falsch geschriebenen Wörtern in verschiedene Sprüche eingebaut und so eine humoristische Sammlung solcher Sprüche kreiert. Man kann natürlich argumentieren, dass in der Sprachwissenschaft die Begriffe "richtig" und "falsch" durch den ständigen Sprachwandel nur bedingt sinnvoll eingesetzt werden können. Natürlich verändert sich unsere Sprache. Bei dem Begriff "I Bims" sehe ich allerdings nicht, dass dieser in die Sprache hinengewachsen ist. Er wurde als Kunstbegriff erschaffen und ist dadurch populär geworden.
Vielleicht sehe ich das ein wenig engstirnig, aber für mich impliziert der Begriff "Jugendwort des Jahres" ein Wort oder eine feststehende Wendung, die tatsächlich in der Jugendsprache gewachsen ist. Die Gewinner der letzten Jahre waren übrigens:
- fly sein (2016)
- Smombie (2015)
- Läuft bei dir! (2014)

 

Ich glaube, rückwirkend betrachtet ist man einen guten Weg eingeschlagen, als man die Entscheidung über das jeweilige Jugendwort des Jahres auch tatsächlich der entsprechenden Zielgruppe überlassen hat. Das Gewinnerwort für 2020 war übrigens "lost".

Die Sache mit dem Sprachverfall

 Immer wieder höre und lese ich, dass die Jugend von heute nicht mehr in der Lage ist, sich "richtig" auszudrücken. Der so genannt...