Freitag, 29. Oktober 2021

Doppelt hält nicht immer besser

 Pleonasmus! Was sich auf den ersten Blick wie eine leicht ekel erregende Krankheit anhört, ist in Wahrheit ein Phänomen, das im besten Fall für verdutzte Gesichter, im schlimmsten Fall jedoch für unnötig aufgeblähte Texte sorgen kann. Es geht um Wortdoppelungen, genauer gesagt um versteckte Synonyme. Der Begriff kommt, wie so oft in der Sprachwissenschaft, aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "Überfluss oder Übertreibung. Und damit ist die Bedeutung auch sehr gut beschrieben. Bekannte Pleonasmes dürften z. B. die "Chiffrenummer" (Chiffre bedeutet bereits "Nummer") oder die La-Ola-Welle ( span. La Ola = "die Welle) sein. Auch die runde Kugel oder in letzter Zeit sehr häufig vorgenommene Zukunftsprognose gehören zur Gattung des Pleonasmus. Viele Texte könnten deutlich weniger aufgebläht wirken, wenn sich die Verfasser*Innen dieser Wortdoppelungen bewusst wären. Fallen euch noch weitere Begriffe ein, die im Grunde genommen den Inhalt doppelt wieder geben?  

Sonntag, 24. Oktober 2021

Palin Palin

 Nein, es geht heute weder um einen alten Sketch von Dieter Hallervordern noch um eine ehemalige us-amerikanische Gouverneurin. Stattdessen schreibe ich heute über so genannte Palindrome. Dabei handelt es sich um Wörter oder Sätze, die sowohl vorwärts als auch rückwärts gelesen einen Sinn ergeben. 

Das Wort "Palindrom" kommt aus dem Griechischen. Dort heißt "Palindromos" in etwa soviel wie "rückwärts laufend". Eine Sonderform des Palindroms sind solche Begriffe, die rückwärts gelesen einen neuen Begriff darstellen, wie zum Beispiel Lager und Regal. Sprachwissenschaftlich betrachtet ist diese Form des Palindroms eine besondere Form eines Anagramms, aber dazu könnte ich wohl einen eigenen Blogartikel schreiben.

 
Textgestalterisch sind solche Wörter zwar eher von geringer Bedeutung, aber als Freund von symmetrischen Figuren sind solche Begriffe wie "Reliefpfeiler" oder "Retsinakanister" oder Sätze wie "Die Liebe ist Sieger; stets rege ist sie bei Leid." ein wahrer Augenschmaus. 

Das längste Wort-Palindrom weltweit, zumindest soweit ich es recherchieren konnte, ist übrigens das finnische Wort "Saippuakauppias", was auf deutsch soviel wie Seifenhändler bedeutet.


 

Montag, 18. Oktober 2021

Auf verschlungenen Pfaden

Sprachen sind doch etwas Wunderbares. Die englische Sprache zum Beispiel schafft es sogar einen Satz in einen Irrgarten zu verwandeln. Im Gegensatz zur deutschen Sprache besitzt sie, genauer gesagt die Syntax der englischen Sprache, eine Eigenschaft, die beim Lesen eines Textes gerne auf eine  falsche Fährte führt.
Solche "garden path sentences", also auf deutsch etwa Gartenpfadsätze, bilden im Verlauf eine Satzstruktur, die zu Beginn des Satzes nicht eindeutig vorhergesagt werden kann.
Ein sehr bekanntes Beispiel eines solchen Satzes ist:


"The horse raced past the barn fell."


Alle, die der englischen Sprache zumindest in Grundzügen mächtig sind, erwarten in der Regel nach "barn" kein weiteres Verb. In diesem Verständnis würde der Satz einen Aktivsatz darstellen, in dem ein Pferd in der Vergangenheit um eine Scheune rannte. Das Wort "raced" ist hier der Übeltäter, der den Leser auf die falsche Fährte lockt. Es steht hier nämlich nicht im Aktiv sondern ist als Passivkonstruktion zu verstehen. Man könnte den Satz auch in einer längeren Form wiedergeben um diese Falle zu erkennen:
"The horse, that was raced past the barn, fell."
Jetzt wird klar, dass es sich bei "raced" um eine Passivform handelt und das arme Pferd um die Scheune getrieben wurde. 

In der Neuro- und Psycholinguistik werden solche Sätze gerne verwendet, um zu erforschen, wie wir einen Satz im Gehirn aufbauen. Sie geben weitere Indizien dafür, dass wir einen Satz strikt von links nach rechts und von Wortgruppe zu Wortgruppe konstruieren, bis wir an eine Stelle kommen an der wir stolpern. Ich würde euch gerne ein paar Beispiele aus der deutschen Sprache mitgeben, leider erlaubt es unsere Verbflexion nicht wirklich, einen ähnlich konstruierten Satz zu bilden, der den gleichen Effekt hat. Ein gutes Beispiel habe ich allerdings dennoch gefunden: "Modern bei dieser Bilderausstellung werden vor allem die Rahmen, denn sie sind aus Holz und im feuchten Keller gelagert worden."
Wenn ihr weitere ähnlich verwirrende Sätze kennt, deren Sinn erst am Schluss erkennbar ist, schreibt sie mir gerne als Kommentar. Ich freue mich über eure Einsendungen.

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Zurück in die Zukunft


Für uns Westeuropäer ist die zeitliche Abfolge von Ereignissen relativ eindeutig (zumindest in der Theorie, aber dazu später): Die Zukunft liegt vor uns, die Vergangenheit liegt hinter uns. Wir blicken also nach vorne, wenn wir uns auf zukünftige Ereignisse beziehen und wir blicken zurück auf vergangene Ereignisse und tatsächlich ist dieses Konzept in den meisten Sprachen so vertreten. Nach unserer Vorstellung ist die Zeit also wie ein Weg, der beschritten wird.
Die Angehörigen des Aymara-Volkes in Chile jedoch betrachten die Zeit in einer völlig entgegengesetzten Sichtweise. Für sie ist die Zukunft hinter ihnen, während die Vergangenheit vor ihnen liegt. Hier liegt ein Konzept der Sichtbarkeit zugrunde. Die Zukunft kann noch nicht erkannt werden, sie liegt außerhalb des sichtbaren Bereichs, also hinter uns. Die Vergangenheit ist jedoch bekannt, sie können wir klar sehen, dem entsprechend liegt sie vor unseren Augen ausgebreitet.
Zurück zu unserer eigenen Zeitrechnung. Ist es nicht interessant, dass wir Ereignisse, die weiter in der
Vergangenheit, also weiter "zurück" liegen mit dem Wort "vor" und Ereignisse, die weiter in der Zukunft liegen mit dem Wort "danach" beschreiben? Hier haben wir sprachliche Muster entwickelt, die denen der Aymara ähneln. Allerdings ist unsere Sprache auch hier nicht eindeutig, wie ein Experiment zeigen soll: Nehmen wir an, Person x soll an einem
Geschäftsessen um 12 Uhr mittags teilnehmen. Jetzt erfährt diese Person, dass das Essen um eine Stunde nach vorne verlegt wurde. Wann findet das Essen jetzt statt?
Ich hoffe, die vielen Zeitreisen haben euch nicht vollständig verwirrt. Ich nehme mir jetzt die Zeit und denke über weitere interessante Themen aus der Welt der Sprache nach.


Quellen:
https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/zurueck-in-die-zukunft-3/
https://rette-sich-wer-kann.com/sprache/zeitkonzepte-schaust-du-nach-vorne-oder-hinten/

Dienstag, 12. Oktober 2021

Wenn Wörter satt machen

 Kennt ihr das Phänomen? Ihr überlegt, wie ein Wort richtig geschrieben wird und plötzlich erscheint euch dasganze Wort nicht mehr richtig oder ihr denkt sogar darüber nach, ob es sich dabei wirklich um ein richtiges Wort handelt. Dieses Phänomen nennt man "Semantische Sättigung". Ausgelöst wird diese Sättigung in der Großhirnrinde, wo ein für das Wort spezifisches neuronales Muster angeregt wird. Durch die ständige Anregung der selben Nervenzellen in kurzer Zeit wird das Aktionspotential der Neuronen gehemmt und so das abgegebene Signal abgeschwächt. Dadurch kann die semantische Verknüpfung mit dem Wort nicht mehr vollständigausgebildet werden und wir verlieren mit der Zeit den Zusammenhang des Wortes mit seiner Bedeutung.


Entdeckt wurde dieser Effekt übrigens von Leon Jakobovits James im Jahr 1962. Seine Doktorarbeit zu dem Thema habe ich in den Quellen verlinkt. Aktuelle Forschungen zu dem Thema beschäftigen sich hauptsächlich mit der Frage, wie das Phänomen in den Zweitspracherwerb integriert werden kann. Das Vokabellernen wird den zukünftigen Schüler*Innen dadurch sicherlich nicht erspart werden, aber womöglich finden sich bessere Formen des Lernens als Seite für Seite abzuschreiben und wiederholt durchzulesen.

 Quelle: https://escholarship.mcgill.ca/concern/theses/c821gp587?locale=en

Freitag, 8. Oktober 2021

Fun-fact am Freitag Teil 1

 Wusstet ihr, dass es insgesamt über 200 fiktionale Sprachen gibt, die für Romane oder Filme erstellt worden sind und mehr oder weniger gut ausgebildet wurden? Die bekanntesten dürften Klingonisch, Dothraki oder Elbisch sein, wobei Elbisch streng genommen aus den beiden Sprachen Quenya und Sindarin besteht. 

Funfact-funfact: Zu Quenya und Sindarin bestehen sogar umfangreiche Aufzeichnungen Tolkiens bezüglich Morphologie, Phonologie und Syntax.

Mittwoch, 6. Oktober 2021

Was ist ein "Ghoti"?!

Jede Lautsprache hat ein bestimmtes, individuelles Lautinventar um die Bedeutung von Objekten mit Hilfe von verbalen Ausdrücken darzustellen sowie ein bestimmtes Zeicheninventar um die Bedeutung von Objekten schriftlich darzustellen. In den Sprachen, die ein standardisiertes Alphabet nutzen, kann es dabei unter bestimmten Voraussetzungen zu Abweichungen zwischen dem schriftlich dargestellten Zeichen, dem Graphem und dem eigentlich entsprechenden akkustischen Laut, dem Phonem kommen. Man spricht auch von einer stärkeren oder schwächeren Phonem-Graphem-Korrespondenz. Die deutsche Sprache kennt so etwas z.B. in der Variante, dass E + U kombiniert in der gesprochenen Sprache als [oi] realisiert werden. 

In der deutschen Sprache sind solche Abweichungen vergleichsweise regelmäßig, e+u ergibt [oi], wenn e und i zusammenfallen, sprechen wir ein [ai] aus. Andere Sprachen, wie das Englische weisen da schon eine stärkere Unregelmäßigkeit auf, die zu einer unter Anglisten sehr bekannten nicht ganz ernst zu meinenden Erklärung der englischen Sprachregeln geführt hat. 

Der Inhalt dieser Satire besteht in der logischen Änderung des geschriebenen Wortes "fish" in "ghoti", da dies der gesprochenen englischen Sprache näher käme. Zur Erläuterung wird folgende Erklärung geboten: Das [f] wird genauso ausgesprochen wie in dem Wort "enough". Das [i] wird genauso ausgesprochen wie in dem Wort "women". Das [ʃ] wird genauso ausgesprochen wie in dem Wort "nation". 

Übrigens: Mir ist bisher nur eine einzige Sprache bekannt, und die ist künstlich, in der alle Morpheme und Grapheme vollständig miteinander korrespondieren: Esperanto.

Montag, 4. Oktober 2021

Die Sache mit dem Satzbau

 Ich wohne in einer Stadt, in der es durchaus sinnvoll ist, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Und so bin auch ich ein regelmäßiger Nutzer unserer U-Bahnlinien. Natürlich bekommt man dadurch auch immer wieder sehr interessante Gespräche mit. 

Solch ein Gespräch ist mir vor längerer Zeit zu Ohren gekommen und nachhaltig im Gedächtnis hängen geblieben: Eine Horde Schüler/-innen war offensichtlich zu einem Klassenausflug unterwegs gewesen, als eine Lehrerin mit einer Schülerin ins Gespräch kam. Es ging wohl um die Abwesenheit der Schülerin in der letzten Unterrichtsstunde. Auf die Frage der Lehrerin, wo denn die Schülerin gewesen sei, antwortete diese mit den Worten: "Ich war Krankenhaus". Die Lehrkraft hätte nun mehrere Möglichkeiten gehabt, fortzufahren. sie hätte den grammatikalischen Fehler ignorieren können. Sie hätte auch, ganz im pädagogischen Sinn, die Schülerin auf ihren grammatikalisch "interessanten" Satzbau hinweisen können. 

Sie hat sich aber für eine Methode entschieden, die ich persönlich für die sinnvollste und pädagogisch wertvollste erachte: Sie hat die Schülerin in ein FrageAntwort-Spiel verwickelt. Leider bekomme ich den genauen Zusammenhang nicht mehr hin, es ging jedenfalls um die Frage, was denn der sinngemäße Unterschied zwischen der Aussage "Ich bin etwas" und "ich bin in etwas" sei. Es hat keine 5 Minuten gedauert, bis die Schülerin erkannt hat, dass sie sich sicherlich nicht in ein Gebäude verwandelt hat und ich hatte das Gefühl, dass sie zum ersten Mal verstanden hat, warum die eine Variante sinnvoll ist, und die andere eher nicht. 

Wenn ich die Diskussionen über unsere Schule und die Unterrichtsgestaltung so mitbekomme, fällt mir auf, dass es wohl immer noch an der Tagesordnung ist, dass man den Kindern Regeln diktiert, die diese dann auswendig lernen müssen. Ich denke, es wäre tatsächlich deutlich sinnvoller, die Zusammenhänge dieser Regeln zu erklären, auch wenn diese Form des Unterrichts sicherlich etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Diese Zeit sollten wir uns meines Erachtens aber nehmen. Sie zahlt sich spätestens dann aus, wenn man in höheren Klassen weniger Grundprinzipien der Sprache wiederholen muss, da sich diese durch logische Verknüpfungen bei den meisten Kindern gefestigt haben dürften.

Sonntag, 3. Oktober 2021

Das Alphabet der deutschen Sprache ist komplett (und keinen interessiert es)

 Darauf hat die Welt, zumindest Deutschland ja schon lange gewartet. Seit nunmehr vier Jahren kann man das ß auch in seiner Form als Großbuchstabe verwenden. Aber warum existiert eigentlich dieser Buchstabe, der bisher immer klein bleiben musste? Das so genannte Scharfe S dient ursprünglich zur Wiedergabe des stimmlosen Lauts [s] und zur Unterscheidung zumdem stimmlosen alveo-palatalen Frikativ. Nach dem Zusammenfall beider Laute wusste keiner mehr so genau, welches Symbol für welchen Laut stand und so blieben beide im Umlauf. 

Nach der Einführung des neuen Buchstaben kann jetzt auch der PREUßISCHE MAßSTAB vollständing in Majuskeln geschrieben werden. Gut, dass das (beide weiterhin übrigens ohne ß) endlich geklärt ist. Interessant finde ich, dass bis heute dennoch häufig auf die Variante mit dem Doppel-s ausgewichen wird, wenn ein Wort mit ß in Majuskeln geschrieben wird, wie dieses Beispiel zeigt:

Quelle: https://www.zvon.de/de/tickets/

Übrigens, der DUDEN hat eine Übersicht über die richtige Verwendung der verschiedenen S-Varianten zusammengestellt:

1. Für den stimmlosen s-Laut nach langem Vokal oder Doppellaut (Diphthong) schreibt man ß. Blöße, Maße, Maß, grüßen, grüßte, Gruß, außer, reißen, es reißt, Fleiß, Preußen Ausnahmen: aus, heraus usw.
 
 2. Dies gilt jedoch nur, wenn der s-Laut in allen Beugungsformen stimmlos bleibt und wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt. . Haus (stimmhaftes s in Häuser) Gras (stimmhaftes s in Gräser) sauste (stimmhaftes s in sausen) meistens (folgender Konsonant im Wortstamm) 
 
3. Für den stimmlosen s-Laut nach kurzem Vokal schreibt man ss. Das gilt auch im Auslaut der Wortstämme . Masse, Kongress, wässrig, Erstklässler, dass (Konjunktion) hassen, ihr hasst Fluss, Flüsse essen, du isst, iss! Missetat, missachten Ausnahmen: das (Pronomen, Artikel), was, des, wes, bis 
 
4. Wörter auf „-nis" und bestimmte Fremdwörter werden nur mit einem s geschrieben, obwohl ihr Plural mit Doppel-s gebildet wird . Zeugnis (trotz: Zeugnisse) Geheimnis (trotz: Geheimnisse) Bus (trotz: Busse) Atlas (trotz: Atlasse) 
 
5 In Personennamen oder geografischen Namen kann die Schreibung des stimmlosen s-Lauts von den amtlichen Regeln abweichen.Theodor Heuss (erster deutscher Bundespräsident) Neuss (Stadt am Niederrhein) 
 
Quelle: www.duden.de


 

Der Rubel rollt

 Die weltweite Wirtschaft scheint aus den Fugen zu geraten und die unterschiedlichsten Währungen sind derzeit in aller Munde. Aber woher kom...